Textile Botschaften und Erzählungen

Bärbel Schmidt, Osnabrück

 

„Kleider senden Botschaften“, so titelte die Allgemeine BäckerZeitung in ihrer Ausgabe 2010/16 und thematisierte damit, dass das Corporate Fashion im Bäckerhandwerk kein Luxus mehr sei. Eine entsprechende Berufsbekleidung gehöre in das Gesamtkonzept des Betriebes, einheitlich gekleidete Mitarbeiter würden beim täglichen Kundenkontakt einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Das T-Shirt wird als textile und mobile „Plakatwand“ schon lange für unterschiedlichste Mitteilungen genutzt, seien es Werbesprüche oder Slogans. Daneben erobern flauschige Woll-Botschaften den öffentlichen Raum, initiiert etwa von der Berliner Strick-Guerilla. Künstler wie der Niederländer Thomas Voorn versieht Wände, Wege und Wiesen mit Sprüchen und Statements aus Kleidungsstücken. Der Künstler sieht seine temporäre Vision nicht nur als Kommunikationsmedium, sondern als eine Möglichkeit, Kleidung und Farbe neu zu interpretieren.

Alltäglich verwenden wir Redewendungen im textilen Zusammenhang wie etwa: „der rote Faden“ „da beißt die Maus keinen Faden ab“, „ans Bett gefesselt sein“, „sich wie ein Segel im Wind drehen“. Nur selten denken wir über deren textile Ursprünge nach.

Eine der galantesten „Sprachen“ der Welt ist die Fächersprache. Mit dem Fächer konnten Gefühlsregungen klar und graziös ausgedrückt werden. Auf Fächerakademien in Paris und erlernten Damen und Herren der Gesellschaft den Fächercode; ein Buch aus dem Jahre 1757 nennt verschiedene Gemütsbewegungen und zeigt entsprechende Arten, einen Fächer zu halten, mit denen sich Eingeweihte auf Gesellschaften gefühlsbetonte Botschaften senden konnten.

Bevor der Funkbetrieb so weit verbreitet war wie heute, mussten Schiffe, die sich begegneten, Nachrichten austauschen können. Zur visuellen Verständigung nutzten die Seeleute bunte Flaggen. Zu jeder dieser Flaggen gehört - auch heute noch - ein Buchstabe im Alphabet. Darüber hinaus bedeutet jede Flagge (und jede Kombination mehrerer Flaggen - bis zu vier Stück) einen bestimmten, international festgelegten Satz, die in Handbüchern verzeichnet sind.

Spätestens seit Iny Lorenz Bestseller „Die Wanderhure“, einer fiktiven Geschichte vor einem historischen Hintergrund, wissen wir, dass Prostituierte des Mittelalters an ihren vestimentären Kennzeichen zu erkennen waren. Im Hoch- und Spätmittelalter war die Symbolik farbiger Kleidung stark ausgeprägt. In Frankfurt etwa mussten Prostituierte einen gelben Saum an ihre Kleidung nähen und in Augsburg einen grünen Streifen in ihren Schleier weben, während die käuflichen Frauen in Österreich eine rote Kappe als Erkennungszeichen trugen.

Die Liste der Beispiele könnte mit dem Fehdehandschuh, dem Teppich von Bayeux, den tansanischen Adrinkas, dem stigmatisierenden Davidstern oder den DocMartins unbegrenzt fortgesetzt werden. Mit allen genannten Textilien und textilen Objekte haben sich früher und heute Menschen verständigt. Einzige Voraussetzung ist, dass Sender und Empfänger die gesellschaftlich akzeptierten Kleidercodes und die damit implizierten Kleiderbotschaften decodieren und damit richtig deuten können.

 

Wir haben uns im Seminar theoretisch mit der Kommunikation im Allgemeinen und den  Möglichkeiten vestimentärer Kommunikation auseinander gesetzt. Gestaltungspraktisch widmeten wir uns der Frage, wie Textilien und textile Objekte Botschaften und Erzählungen vermitteln können. Den Entstehungsprozess sowie ein textildidaktischer Schlussgedanke oder eine gestaltungspraktische Weiterführung dokumentierten die Studierenden in einem Reflexionstext.

 

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