Mimar Sinan Universität, Istanbul

Arabische Reise: Textilkulturelle Dialoge

Norbert Schütz & Anna Sophie Müller, Flensburg

In der aktuellen Diskussion um kulturwissenschaftliche Didaktiken werden die Positionen und Standorte multi-, inter- und transkultureller Bildung gegenübergestellt (Auernheimer 2002, Antor 2006, Schulze-Engler 2006) und die entsprechenden Zielsetzungen auch bezogen auf den Textilunterricht (Kolhoff-Kahl 2005) kritisch geprüft.

Der folgende Beitrag stellt kulturelle Vielfalt als Quelle von Austausch, Erneuerung und Kreativität heraus. Dieser Austausch findet über den Weg des kulturellen Dialogs statt. Unterschiedliche Formen des Dialogs werden differenziert, wenn textile Sachkultur thematisiert wird.

Drei Studien zum textilkulturellen Dialog

Im textilkulturellen Dialog stehen textile Kulturgüter im Zentrum des Kommunikations-prozesses und sind einerseits als bearbeitetes Material anschaulich, d.h. sie sind über Beobachtungen ‚studierbar’ und auch in hohem Maße ‚objektivierbar’. Andererseits vermittelt das anschauliche Material eine ‚kontextuelle Lebenswelt’, d.h. das textile Kulturgut ist eingebunden in entsprechende Kontexte der Herstellung und Nutzung wie in Prozesse der Bedeutungszuschreibung und Sinnkonstruktion, die wiederum auf die jeweilige Kultur verweisen.

Austausch, Erneuerung und Kreativität im textilkulturellen Dialog wird in den Flensburger Studien in der Hauptsache im Rahmen einer selbstkommunikativen Dialogform untersucht, indem textile Kulturgüter studiert, gegenübergestellt und in fachpraktischen Versuchen nach ‚kombinatorischen’ Lösungen der Erneuerung gesucht wurde. Im Fokus steht die Frage: Unter welchen Bedingungen und in welchen Kontexten sind die intendierten Zielsetzungen zu erreichen?

Sekundär werden Akzeptanz, Toleranz und Respekt zwischen Gruppen verschiedener Kulturalität angestrebt.

Drei Studien in der Zusammenarbeit mit der Mimar Sinan Universität in Istanbul, Department Mode + Textil, werden vorgestellt und unter spezifizierten Fragestellungen diskutiert. Die hier referierten Projekte thematisieren die textile Sachkultur des Oberflächendesigns.

Studie 1*

1Thema - 2Aspekte

In der ersten Phase der Begegnung zwischen  Flensburger und Istanbuler Fachstudierenden fragen wir nach kulturellen Unterschieden im Umgang mit textilen Mustern. Werden Muster auf unterschiedliche Art und Weise kulturell ‚gebunden’ gelesen und entsprechend auf dieser Grundlage weiter bearbeitet und entworfen? Unterscheiden sich die textilen Entwürfe auf der Basis textiler Kulturgüter zwischen den beiden Studierendengruppen?

Studie 2*

Ornamente im Textildesign:

Christliche Symbolwelten – Islamische Symbolwelten

In der zweiten Studie setzen wir historische Gestaltungen in den Blickpunkt, die auf dem ersten Blick zwischen den Kulturen eher trennen. Wir thematisieren ausgewählte Ornamente und Symbolismen im historischen Textildesign und ‚laden’ auf diese Weise die Bedeutungszuschreibungen auf. Damit wird der Fokus einerseits auf textile Muster gelenkt, aber andererseits werden zugleich historisch gewachsene Symbolwelten aktiviert. Im Aspekt der inhaltlichen Verweise und Sinnkonstruktion wird auf symbolische Bedeutungskontexte des Christentums und Islams hingeleitet. Die Übergänge und Verflechtungen zwischen den historisch-tradierten und persönlichen Bedeutungsgebungen sowie zwischen den Religionen werden in Entwürfen zum Textildesign wie in deren reflexiven Zuschreibungen untersucht.

Studie 3*

Textiles Entwerfen am ‚fremden’ Ort

Mit der dritten Studie gehen wir der Frage nach, ob kulturspezifische Recherchen vor Ort den kulturellen Dialog nachhaltiger in Gang setzen als medial vermittelte Informationen am Heimatstandort.

 

Fazit der Studien

Im kulturellen Dialog mit textilen Kulturgütern stand die Intention im Vordergrund, über Austausch Erneuerung und Kreativität der eigenen Produktivität zu erzielen. Hinreichend ist nicht allein die Anregung durch andersartige Objektivationen in ihren materialen Variationen (Studie 1), sondern intensivierend wirkt deren Verflechtung mit kulturell-tradierten und persönlichen Bedeutungszuschreibungen (Studie 2). Die Spannung zwischen formalen und inhaltlichen Aspekten in der Anbindung an die eigene Geschichte, die in einer kurzen Sequenz mit einem Aufenthalt an einem kulturell andersartigen Ort fortgeführt wird (Studie 3),  wird als langfristig produktiv für die Person interpre­tiert.

Literatur

 
* Alle Studien wurden unter Leitung von Sonja Hinz (Flensburg), Gaye Kirlidökme Belen  (Istanbul) und Nesrin Türkmen (Istanbul) durchgeführt.

 

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