Elf verrückte Stühle

Bärbel Schmidt, Osnabrück
 

„Oh you can't have that“, said the cat, „we're all mad here. I'm mad, you're mad.“

„How do you know I am mad“, said Alice. „You must be“, said the cat, „or you would'nt have come here.“ 

Dieser Dialog zwischen der kleinen Alice und der Cheshire Cat, die der deutsche Übersetzer Grinsekatze nennt, mag zur Einleitung in unser kleines Projekt dienen. Den Lehrsatz des modernen Designs „Form follows Function“ haben wir in unserem Studienprojekt auf ein Minimum herunter gefahren. Stühle sind Sitzmöbel! Und mehr als das man auf den Objekten sitzen können muss, haben wir uns nicht abgefordert. Üblicherweise lässt sich „Form follows Function“ für Stühle und Bänke nicht auf die reine Sitzfunktion beschränken. Stühle und manchmal auch Bänke formen den Körper wenn nicht ab, so doch vor. Der Mensch setzt sich auf einen durchgeplanten ergonometrisch perfekten Stuhl wie auf eine Negativform seines Körpers. Für uns als Textilwissenschaftler/innen, die wir mit dem Material umgehen, dass den Körper und seinen Formen am Nächsten ist und ihn am Geschmeidigsten umgibt, übt deswegen der Stuhl eine besondere Faszination aus, so dass man ihn – wenn er ergonometrisch sorgfältig gearbeitet ist – als eine dritte oder vierte Haut – wie man es eben zählt – verstehen kann. Ich zähle noch mal auf: Die Haut, die unseren Körper abschließt, umgibt am engsten das, was der zivilisatorische Prozess als Unterwäsche herausgebildet hat. Je nach Mode enger oder lockerer den Körper umgebend. Darüber als zweite Haut die Kleidung, die für das Auge der Mitmenschen sichtbar ist und mit der wir uns auch als ein Zeichensystem unserer Umwelt zu erkennen geben. In Klammern bemerkt, das auch die Unterwäsche zeichenhaften Charakter annehmen kann, sei einem anderen Vortrag vorbehalten. Der Stuhl wäre somit gleichsam die dritte Haut, insbesondere wenn er so durchgeplant ist, das er dem Bewegungsbedürfnis des Körpers nachgibt. Für alle diese Gedanken hat das Wunderland – aus dem der Dialog stammt, mit dem ich meine Einführung begonnen habe, keinen Platz.

Hier sind die Dinge wie sie sind und sie sind so, wie sie die Willkür der Phantasie erfindet. Zwei Aspekte sind für Lewis Carroll in seiner verrückten Welt grundlegend: Bilder und Dialoge. Deswegen beginnt die Geschichte von Alice's adventure in wonderland mit jenem wunderbaren Abschnitt, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

„Alice was beginning to get very tired of sitting by her sister on the bank, and of having nothing to do: Once or twice she had peeped into the book her sister was reading, but it had no pictures or conversations in it. „And what is the use of a book“, thought Alice, „without pictures or conversations.“

Und so folgen wir bei der Lektüre Bildern, die der erste Illustrator von Carrolls Büchern, Sir John Tenniel, gezeichnet hat und Dialogen, in die Alice von allen möglichen Personen, die sie trifft, verwickelt wird und die sie bravurös meistert. Alice ist ein wohlerzogenes kleines Mädchen. Eine Schülerin, von der unsere Absolventinnen und Absolventen nur träumen können: brav, wissbegierig und vor allen Dingen weiß sie, was sich gehört. Während ihrer Abenteuer trifft sie auf Wesen, die ein wenig wie unsere Stühle sind: phantastisch, schräg – oder wie es so schön auf englisch heißt: queer, quer zum Normalen und wie die Jugendsprache sie bezeichnen würde: abartig strange oder abgespaced.

In dem Wunderland, wo die Kartenkönigin mit ihrem Hof Cricket mit Flamingos spielt, deren gebogener Hals einen Cricket-Schläger ähnlich sieht, hätten sicher auch unsere Sitzmöbel Platz. Denn Lewis Carroll findet immer Verbindungen zwischen dem Wunderland und unserem Normalland, um sie gleich wieder ins Absurde zu überführen. So hat eine Studentin einen Muffin – was man normalerweise essen kann – zu einem Stuhl umgeformt. Doch es bleibt nicht bei dem Muffin, auch ein Tortenstück farblich lecker in Schichten gebildet, lädt zum Sitzen ein. Eine andere hat eine Schatztruhe in ein Sitzmöbel verwandelt. Nun ist es durchaus möglich, auf einer Schatztruhe zu sitzen und Stühle, in denen man etwas verstecken kann ,kennt schon das Barockzeitalter, doch das man etwas gleichzeitig als Sitzmöbel und als Schatztruhe bildet, gehört eher in den Bereich des Wunderlandes, sonderlich, wenn diese Schatztruhe noch gepolstert ist. Es ist auch möglich, dass Gegenstände, die aus der normalen Welt stammen, in das Wunderland ver-rückt werden. Ein alter Koffer, der in manchem Märchen einen Goldschatz bergen kann, verwandelt sich unter den Händen einer Studentin in eine Sitzgelegenheit. Mit der Garnrolle wurde ein Objekt ausgewählt, das einerseits einem Hocker nicht unähnlich ist. Andererseits aus einer Welt der kleinen Objekte stammt und in seiner Vergrößerung zu einem Sitzmöbel den Alice entgegengesetzten Weg nimmt. Sie erinnern sich, damit Alice durch das Loch des Kaninchens überhaupt in das Wunderland gelangen kann, muss sie zusammen schrumpfen. Ich habe einmal in einem Eissalon in Italien viele viele Eiskugeln aus einer gläsernen Gondel gegessen, aber das man auf einem Wikingerboot sitzen kann, hat erst studentische Phantasie in meinen Vorstellungsbereich hinein gezaubert. Mit dem Boot kann unsere Phantasie immerhin noch im Trockenen bleiben. Der Haifisch ist als Sitzgelegenheit queer. Wenn man mal auf ihm sitzt, sollte man sich festhalten und nicht herunter fallen, denn die Zähne ragen bedrohlich heraus. Trösten wir uns, sie sind aus Filz und nicht so gefährlich wie Mecky Messers Messer, das man nicht sieht. Ein Zauberwürfel, dessen Flächen ausgetauscht werden können, scheint für die strengen Apologeten von Form follows Function den blanken Wahnsinn darzustellen, hier kann es nur unsere Augen und unsere Phantasie erfreuen. Das man mit einem Clown oder mit Kitty, einem Kätzchen, das in dem 2. Band der Alice Geschichte seine Geschwister findet, auf einem Stuhl sitzen könnte, ist vorstellbar. Aber auf den beiden Wesen zu sitzen, erlaubt sich unsere Vorstellungskraft nur gelegentlich. Das gewöhnlichste Sitzmöbel ist der Thron, auch wenn er seit der Französischen Revolution und dem beginnenden bürgerlichen Zeitalter nicht mehr in unserem Alltag, sondern nur noch in unsere Märchenwelt gehört. Allein der kindlichen Phantasie ist der Thron eine selbstverständliche Sitzgelegenheit für den kleinen König, die kleine Königin, den kleinen Prinzen oder die kleine Prinzessin, möglicherweise in Rosa.

Damit die kleinen Prinzen und Prinzessinnen nicht nur dem Lustprinzip folgen, gehört es zu jedem Erwachsenwerden, dass das Realitätsprinzip seinen Einzug hält. In der Geschichte von Alice im Wunderland ist die kleine Alice immer wieder die Vertreterin des Realitätsprinzips, das sie mit der verrückten Welt konfrontiert. Die Verrückten finden jedoch immer eine Möglichkeit, sich den höflichen Ermahnungen der kleinen Wanderin zu entziehen. Da unsere Studierenden Lehrer und Lehrerinnen werden wollen, müssen wir auch unsere Objekte im Zusammenhang mit Schule sehen. Lassen Sie es mich der Kürze halber rund heraus sagen, ich bin eine Gegnerin jener Dichotomie von Lernen auf der einen und Vergnügen, Spaß wie man heute sagt, auf der anderen Seite. Ich bin der festen Überzeugung, dass Lernen ein Vergnügen sein kann und dass man bei vergnüglichem Tun eine Menge lernt. Jede glückliche Kindheit ist von diesen Möglichkeiten reichlich geprägt. Die Phobie Lehrern gegenüber, wie wir sie am Beispiel eines niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Bundeskanzlers einmal kennen gelernt haben, entstammt unglücklichen Kindheiten, die wir niemanden wünschen wollen. Unsere Arbeit im letzten Wintersemester versucht die Freude an einem Produzieren zwischen handwerklicher Ernsthaftigkeit und phantastischem Planen und Entwerfen gleichermaßen zu realisieren.

Wie um mir recht zu geben, hat die literaturwissenschaftliche Forschung auch festgestellt, dass die Figur des Hutmachers, die umgangssprachlich immer als der verrückte Hutmacher bekannt ist, in dem Buch niemals so benannt wird. Es gibt jedoch die englische Redewendung „mad as a hatter“, das hat seine Ursache darin, dass Hutmacher nicht nur im Wunderland, sondern auch in der harten Lebenswirklichkeit verrückt wurden. Ursache dafür waren die Quecksilberdämpfe, die seinerzeit bei der Herstellung von Hüten verwandt wurden und die das Gehirn der Handwerker zerstörten. Das Realitätsprinzip hat Lewis Carroll auf eine merkwürdige Weise seiner lustvollen Erzählung eingefügt.

Ich gehe davon aus, dass Studierende, die in der Universität mit Freude aktiv waren, dieses auch an ihre Schüler und Schülerinnen weiter geben. Dazu gehört, dass wir stolz sind, diese Leistung eines Semesters in der kleinen Ausstellung der Öffentlichkeit präsentieren zu können und uns mit unseren Sitzmöbeln in die Kulturgeschichte Osnabrücks, die in diesem Museum verdinglicht ist, einzuordnen.

Abschließend bleibt noch festzuhalten, dass wenn sich Studierende einem derartig kühnen Unterfangen widmen, es Hilfe von Fachleuten, die normale Stühle bauen und polstern können braucht: Der Tischler Jürgen Menkhaus und der Raumausstatter Klaus Schmidt haben den Studierenden gezeigt, wie es geht.

Vortrag zur Ausstellung im Kulturgeschichtlichen Museum Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück
Fotos: Dr. Thorsten Heese