Mantel
Upcycling
Verwandlung

Allerleirauh

Ein Märchen im textilkünstlerischen Kontext

 

Anne-Marie Grundmeier & Dorit Köhler, Freiburg

 

Das interdisziplinäre Projekt, das im Wintersemester 2016/17 von Dr. Dorit Köhler und der Textildesignerin Anna Koch an der Pädagogischen Hochschule Freiburg angeboten wurde, wählt das symbolkräftige Grimm’sche Märchen „Allerleirauh“ als Ausgangspunkt zur Erarbeitung textilkünstlerischer Performances. Zielgruppe sind Studierende für das Grundschullehramt im interdisziplinären ästhetischen Kompetenzbereich Musik – Kunst – Textil. Das Projekt setzt sich mit gängigen ästhetischen Mustern und Idealen in Märchen auseinander: der weiblichen Schönheit, die vor allem durch die Kleidung zum Ausdruck kommt oder durch diese versteckt wird.

Im Grimm‘schen Märchen „Allerleirauh“ wird eine Inzestthematik am Beispiel des Königs problematisiert, der auf das Verlangen seiner sterbenden Frau hin seine Tochter zur Frau begehrt. Zunächst versucht das Mädchen die Übergriffe des Vaters von sich weg zu halten, indem sie ihn um die Erfüllung dreier Wünsche bittet, von denen sie glaubt, sie seien nicht zu realisieren: ein Kleid golden wie die Sonne, eines so silbern wie der Mond und eines so glänzend wie die Sterne, dazu noch einen Mantel aus tausenderlei Pelz und Rauhwerk (unverarbeitetes Tierfell) von allen Arten der Tiere des Reiches. Dem Vater gelingt es jedoch mit großem Aufwand, die gewünschten Gegenstände zu beschaffen, und er besteht trotz heftigen Widerspruchs seiner Räte auf der Hochzeit mit seiner Tochter. Als diese keinen anderen Ausweg mehr sieht, packt sie die drei glänzenden Kleider in eine Nussschale, nimmt von ihren Kostbarkeiten „einen goldenen Ring, ein goldenes Spinnrädchen und ein goldenes Haspelchen“ (Grimm/Grimm, 1980), schwärzt Gesicht und Hände mit Ruß und flieht mit dem Mantel aus Pelz bekleidet in den Wald. Dort findet sie ein auf der Jagd befindlicher Königssohn und nimmt sie mit in sein Schloss, wo er ihr als „Rauhtierchen“ einen Platz unter der Treppe zuweist und sie als Küchenmagd arbeiten soll.

Nach langer Zeit traut sich das Mädchen den Koch darum zu bitten, bei einem im Schloss stattfindenden Fest zuschauen zu dürfen, wäscht sich, zieht eines ihrer Kleider an, so dass ihre Schönheit wieder erstrahlt. Der Königssohn tanzt mit ihr und ist fasziniert; Allerleirauh aber verschwindet in den Schutz ihrer Hülle aus Mantel und Schmutz in der Küche, macht jedoch den Königssohn auf sich aufmerksam, indem sie in die Suppe, die sie für ihn kocht, ihren goldenen Ring wirft. Dieser Vorgang des in strahlendem Glanz Aufscheinens und wieder Versteckens wiederholt sich noch zwei Male mit den beiden anderen Kleidern sowie dem Spinnrad und der Haspel. Der Königssohn aber steckt ihr beim dritten Tanz einen goldenen Ring an den Finger. Allerleirauh verschwindet erneut unerkannt, ist jedoch so spät zurück in der Küche, dass sie ihren Mantel nur überwerfen und das Sternenkleid nicht ausziehen kann. Der König, der sie zu sich rufen lässt, nachdem er das Haspelchen in der Suppe gefunden hat, erkennt sie an dem Ring als die ersehnte Tänzerin, greift nach ihr und der Mantel aus Pelz rutscht zur Seite, so dass ihre strahlende Erscheinung, die vor allem durch ihre blonden Haare versinnbildlicht wird, nicht länger zu verbergen ist. Der Königssohn erwählt sie zur Frau und es wird Hochzeit gefeiert.

Aus der literarischen Auseinandersetzung mit dem Märchen, dessen literaturwissenschaftlicher und tiefenpsychologischer Interpretation (Benz, 1991) sowie vor dem Hintergrund der Inzestproblematik in der Gesellschaft, deren medialer Verbreitung und didaktischer Erarbeitung im Kontext Schule entwickelten sechs Studierendengruppen ihre Objekte und Performances, bei denen der textile Aspekt besondere Berücksichtigung finden sollte.

Die Studierenden wirkten in einem interdisziplinären künstlerischen Projekt mit allen Phasen des Projektmanagements von der Planung über die Durchführung bis zur öffentlichen Präsentation mit, was sie auf die Projektarbeit im schulischen Kontext vorbereitet.

Die textilkünstlerischen Performances fanden als öffentliche Präsentation in der Aula der Hochschule statt. In einer abschließenden Ausstellung auf der Bühne bekamen die Besucher die Gelegenheit, die textilen Objekte in Augenschein zu nehmen und mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen. Das Projekt wurde durch Mittel der PH Freiburg zur Förderung innovativer Lehre und Gendermittel finanziert.

Wie durch den Titel des Märchens nahe gelegt wird, stand in zwei Präsentationen der Mantel mit seiner hohen Symbolkraft im Mittelpunkt des Interesses. Seiner Funktion als schutzgebende (Abb.1) und schmückende Hülle im Alltag näherten sich vier Studierende, die vier Mäntel fertigten, welche sich zu einer großen Decke zusammenfügen ließen, auf denen die Hochzeit des Königssohnes mit der nun im Schloss Schutz findenden Allerleirauh stattfinden konnte. (Abb. 2)

Die zweite Gruppe stellte die Küchenszene und die damit in Zusammenhang stehende psychische Verwandlung von Allerleirauh, die ihre glänzende, gefährdende Seite verbirgt (Abb.3), durch einen Wendemantel dar, dessen Innenseite aus einer Rettungsdecke gefertigt worden ist. Die Gestalt des Mädchens verbergen die Außenseite aus fellbesetztem dunklem Wollgewebe und eine Kapuze, die abgeknöpft und gewendet zu einer glänzenden Tasche wird, und der Mantel, der auf links gedreht zu dem Sternenkleid mutiert, in welchem die befreite Person mit dem Königssohn tanzt. (Abb. 4)

In beiden Variationen bekommt der Königssohn eine positive Rolle zugeschrieben und hilft bei der sexuellen Befreiung des verletzten Mädchens. Bei der Adaption des Märchens und Überlegungen zur didaktischen Relevanz fiel den Studierenden auf, dass von einem Einverständnis der Braut an keiner Stelle die Rede ist: Alle Handlungsmacht der sexuellen Aktivität geht von den Männern aus. Diesen Aspekt griffen drei Studierende in ihrer Performance auf. Sie veranschaulichten die ambivalente Persönlichkeitsstruktur der lieblichen Schönheit (Abb.5), dem verletzten Opfer und der sich versteckenden Waldbewohnerin durch „Masken“. Es kommt zu keiner Erlösung durch den Königssohn, sondern dieser selbst wird zum Eindringling, der sich über die Grenzen des Mädchens hinwegsetzt und Verletzungen nicht heilt, sondern weitere hinzufügt, so dass keine Hoffnung auf neue Lebendigkeit bleibt und die Hochzeit der beiden zur zweiten Vergewaltigung gerät, die eine zerbrochene Persönlichkeit zurücklässt. (Abb. 6)

Anders dagegen die Präsentation „Nuss“ , in der die Studierenden die Wiederentfaltung des Mädchens darstellten. Ausgangspunkt ist hier die aus Pappmaschee hergestellte Hülle in Nussform, die im Märchen erwähnt wird. Aus ihr traut sich Allerleirauh langsam wieder zahlreiche bunte Persönlichkeitsmerkmale, die als Schrift auf Stoffstreifen mit unterschiedlichen textilen Techniken sichtbar gemacht werden, hervorzuholen und zu zeigen. Sie selbst wird von dem traumatisierten Wesen, das keinen Blickkontakt halten kann und nur sehr schwer zu verstehen ist, auf der Bühne zu einer selbstbewussten Frau, die die verschiedenen Aspekte ihrer Persönlichkeit nach außen zeigt. (Abb. 7)

Die Person der Mutter, die im Märchen nur am Rande eine Rolle spielt, aber letztendlich Auslöser der Tragödie ist, analysierte eine fünfte Studierendengruppe. Diese setzt die ambivalente Rolle zwischen liebevoll umsorgender (Abb.8), leuchtend schöner Mutter dramatisch in Szene: Sie ernährt und pflegt ihr Tochter, spielt und tanzt mit ihr, verliert dann aber durch ihre eigene Krankheit nicht nur ihre äußere Schönheit, sondern setzt auch ihre Tochter unter Druck, fesselt sie und lässt sie mit ihrem Tod vollkommen verstört in einem seelischen Dilemma zurück. (Abb. 9) Am weitesten vom Märchen und von der zentralen Inzestthematik entfernt sich die sechste Gruppe und setzt die zunehmende Vermüllung der Erde in Beziehung zu den glänzenden Kleidern der Allerleirauh, die sich aus dem (seelischen) Müll ihrer Vergangenheit vor den Augen der Zuschauer ein glänzendes Kleid, eine Kopfbedeckung und Accessoires herstellt und so strahlend zum Ball gehen kann. (Abb. 10)

Literatur:

Benz, U. (1991): Allerleirauh. Der riskante Weg des jungen Mädchens durch Phantasie und Wirklichkeit oder: Der ganz normale Inzest. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. 45 Jahrg. 12/1991. S. 1125-1134.

Grimm, J.; Grimm, W: Kinder- und Hausmärchen. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Röllecke, H. (Hrsg.). Reclam: Stuttgart 1980, S. 127–128, 471–472.

Text: Anne-Marie Grundmeier, Dorit Köhler

Fotos: Anna Koch, Dorit Köhler