Gestickte Quadrate

Fäden verbinden Frauen in Laghmani und Freiburg

 

Anne-Marie Grundmeier, Dorit Köhler & Eve Zeyher-Plötz, Freiburg

 

Gender-Leitgedanke des Projekts  

Afghanische Frauen sind in die Traditionen einer muslimischen, patriarchalisch strukturierten Gesellschaft eingebunden. Die Hauptarbeit der Frauen, die auf dem Lande leben, findet im Haus und den unmittelbar an ihre Höfe grenzenden Gärten statt Die Arbeit wird von den Müttern direkt an die Töchter abgegeben, die die Aufgaben vollständig von ihrer Mutter übernehmen, sobald sie altermäßig und von ihren Kräften her dazu in der Lage sind. Die Frauen stehen in einer direkten Abhängigkeit von ihren männlichen Verwandten, was sie unfrei in ihren Entscheidungen macht; oftmals können sie kein selbstbestimmtes Leben führen. Viele Mädchen - vor allem in den ländlichen Regionen - müssen aus verschiedenen Gründen auf eine Schulbildung verzichten. Die Frauen haben keine oder nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit, Geld zu verdienen, da sie sich dazu außerhalb des Hauses bewegen oder entsprechende Kontakte aufnehmen müssten, was ihnen zumeist verboten ist. Die Tradition verbietet es, dass Frauen auf dem Land zur Arbeit gehen, denn die Männer sind dafür zuständig.

Vor diesem Hintergrund bietet das Stickprojekt der in Freiburg ansässigen Deutsch-Afghanischen Initiative Mädchen und Frau in Laghmani, einer Ansammlung von vier Dörfern etwa 60 km nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul, die Möglichkeit, mit der Herstellung und dem Verkauf von Stickquadraten Geld zu verdienen und dadurch eine höhere Stellung innerhalb der Familie einzunehmen. In Afghanistan war das Sticken nach den langen Kriegsjahren vernachlässigt worden und nahezu in Vergessenheit geraten. Durch das Projekt werden die Mädchen und Frauen zum Sticken angeleitet. Es gehört auch dazu, ihnen zu vermitteln, ihre Stickfertigkeiten, mit denen sie zu ihrer eigenen, aber auch der Existenz ihrer Familien finanziell beitragen können, als etwas Wertvolles zu erachten. Der Stickgarnhersteller Madeira aus Freiburg sponsert dieses Projekt der Deutsch-Afghanischen Initiative, indem er die Stickgarne zur Verfügung stellt. Der Vertrieb der Stickquadrate in Deutschland erfolgt durch die in Freiburg lebende französische Textilkünstlerin Pascale Goldenberg als Mitglied der Deutsch-Afghanischen Initiative. Sie besucht und betreut persönlich die etwa 200 im Stickprojekt mitwirkenden Mädchen und Frauen aus Laghmani. Um eine kontinuierliche künstlerische und technische Qualität der Stickereien gewährleisten zu können, müssen die mindestens zwölfjährigen Mädchen eine Stickprüfung ablegen, bevor sie an dem Projekt teilnehmen dürfen. Das Projekt folgt dem Leitgedanken, die afghanischen Stickquadrate mit kulturell eigenen Textiltechniken in Textilobjekte in Europa zu integrieren. Sie sind sozusagen Ausgangspunkt individueller kreativer Ideen, an deren Anfang eine Auseinandersetzung mit dem Leben der Mädchen und Frauen in Afghanistan steht.

 

Projektdurchführung unter Verknüpfung von Gender-Theorie und -Praxis 

Frau Goldenberg stellte am Anfang der Projektphase ihr Stickprojekt in einem Gastvortrag vor und schuf so einen ersten Zugang für die Studierenden zum Leben afghanischer Mädchen und Frauen und ihren Möglichkeiten, ihre Lebenssituation durch die Herstellung der Stickquadrate beeinflussen zu können. In mehreren parallel stattfindenden Seminaren während eines Semesters wurde die Thematik erarbeitet, in einer ästhetischen Praxis reflektiert und abschließend im Rahmen einer Projektpräsentation vorgestellt. Dabei wurde die Vielfalt der Möglichkeiten, diese Stickquadrate in eigene Textilarbeiten zu integrieren, deutlich:

Die Wahl der Studierenden fiel zum einen auf Kleidobjekte, da sie die Möglichkeit bieten, die Quadrate direkt in die Öffentlichkeit zu tragen. Zudem bietet sich die Gelegenheit über die Funktionen von Kleidung in ihrer Funktion des Verhüllens und Versteckens, wie sie für die afghanischen Frauen in Form des Tschadari Alltag und Realität ist, zu reflektieren und deren begrenzende, einschränkende Wirkung am eigenen Leib zu spüren. Die Studierenden konnten für die Umsetzung Kleidungsstücke der eigenen Kultur wählen, die dem Bereich der Oberbekleidung in Form von Westen bzw. Jacken entstammen, um die Quadrate wirkungsvoll positionieren zu können und Materialien zu verwenden, die das Stickquadrat tragen bzw. die weitere Gestaltung möglich machen.

Als funktionsorientierte Objekte sind weiterhin Kissen gewählt worden, da sie in einer afghanischen Behausung wichtige und zentrale Elemente darstellen, die der Zierde und Repräsentation dienen. Ein Großteil des afghanischen Lebens spielt sich auf dem Boden mit Kissen und Decken ab, Möbel gibt es wenige. Mit der Entwicklung von Laptoptaschen ist versucht worden, eine Einbettung der traditionellen Stickquadrate in ein zentrales Objekt unserer modernen Welt, dem Laptop und seiner Hülle zu schaffen.

Um auf die von afghanischen Frauen verwendete textile Kulturtechnik direkt Bezug zu nehmen, haben auch die Studierenden gestickt - mit der Hand, der Maschine und als Applikation. Die afghanischen Frauen verwenden den Klosterstich, der zur dortigen Tradition gehört und seinen Ursprung in Bukhara, Usbekistan hat. Davon zeugt auch die französische Bezeichnung "point de couchure de Bouchara". Die Frauen zeichnen ihre Stickmotive, die sie ihrem Alltag entnehmen, zumeist selber. Es sind vor allem Tiere wie Schmetterlinge, Vögel und Fische, Blumen und Früchte sowie Alltagsgegenstände. Die für unsere westeuropäische Rezeption teilweise leicht naiv wirkenden Motive waren den Studierenden zunächst eher ungewohnt und fremd, so dass sie in ihren eigenen Objekten Möglichkeiten suchten, mit erweiterten Sticktechniken wie dem freien Sticken neue gestalterische Möglichkeiten auszuloten. Als weitere Verfahren sind das Nass- und Trockenfilzen sowie Relieftechniken und vor allem Patchwork zum Einsatz gekommen, um die Stickquadrate formal, farblich und inhaltlich zu erweitern bzw. in entsprechende textile Flächen einzubinden. Um größere Flächen in angemessenem Zeitaufwand passend zu den Stickquadraten gestalten zu können, wurde gefärbt.

Die besondere Aufgabe der Gestaltung liegt darin, das Stickquadrat und die hinzugefügten Gestaltungselemente in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen. Viele Studierende stellten sich zudem der Herausforderung, inhaltliche Aspekte in ihre Textilobjekte einfließen zu lassen und der - aus ihrer Sicht - eingeschränkten Lebensweise der afghanischen Frauen und den in den Stickquadraten zum Ausdruck gebrachten Eindrücken vom Alltagsleben der Frauen ein Gesicht zu verleihen. Sie reflektierten deren Lebenssituation in Verbindung zu ihrer eigenen Situation, erkannten ihre persönliche Freiheit und ihren finanziellen Reichtum, aber auf der anderen Seite auch fehlendes Gemeinschaftsgefühl und soziales Miteinander.

Mittels Farbstudien ist die Freude der Frauen an den Farben, Harmonien und Kontrasten und ihre Sensibilität im Umgang damit aufgegriffen und untersucht worden, bevor die Studierenden mit der eigentlichen Arbeit begonnen haben, um diese Farbigkeit ebenso sensibel in ihren Objekten widerzuspiegeln. Thematisiert wurden die Gestaltungsmöglichkeiten durch Farbe und Form auf Basis des bildnerischen Motivs, das auch symbolische Bedeutung haben kann. Die Stickquadrate wurden so zum Ausgangspunkt der eigenen Gestaltung, indem die Studierenden Kontrastpunkte setzten, die Quadrate verfremdeten oder in eine gestaltete Umgebung platzierten, welche die afghanischen Stickereien weiterführt. Gemäß unserer Denkweise haben die afghanischen Frauen ein sehr traditionelles, armes, eher trübes und aussichtsloses Leben, das auch teilweise fremdbestimmt wird. Trotzdem - oder vielleicht auch deshalb - strahlen ihre Quadrate einen großen Farbenreichtum aus. Die Frauen scheinen die Farbigkeit zu lieben, die in Kontrast zu den Erdtönen der afghanischen Berge und den wenigen grünen Ebenen steht. Sie selbst sind in ihre Traditionen hineingeboren und zweifeln diese in der Regel - aus unserer Sicht - viel zu wenig an. Wir spüren jedoch in den Stickquadraten die Kraft der Frauen, etwas bewegen und verändern zu können.

Die Objekte, die aus den Stickquadraten entstehen, sollen die Studierenden zu eigenen textilgestalterischen Schulprojekten mit afghanischen Stickereien anregen. Die Stickquadrate der afghanischen Mädchen und Frauen finden bereits in Schulen im Textilunterricht Verwendung. Durch eine didaktisch-methodische Reflexion der Seminare seitens der Studierenden werden weitere Möglichkeiten der unterrichtlichen Umsetzung erschlossen.

Fotos: Dorit Köhler, Eve Zeyher-Plötz